Aktuelle berufspädagogische Standards sind zu beachten

Bei der Entwicklung und Umsetzung einer BBfnE ist es nicht notwendig, einen völlig neuen didaktischen Ansatz zu wählen. Vielmehr zeigen die aktuellen pädagogischen Standards in der beruflichen Bildung zahlreiche Anknüpfungspunkte an didaktische Prinzipien, die auch im Zusammenhang mit einer BBfnE diskutiert werden.
Es ist daher sinnvoll und auch notwendig, sich bei der Entwicklung von nachhaltigkeitsbezogenen Lehr-/Lernprozessen an den aktuellen berufspädagogische Standards und Prinzipien zu orientieren. Zum einen lassen sich dadurch grundlegende Gestaltungsprinzipien einer BBfnE abdecken und zum anderen wird damit das Kernziel der Berufsausbildung – das Erreichen der beruflichen Handlungsfähigkeit – befördert. Zu den wichtigsten berufspädagogischen Standards und Prinzipien im Zusammenhang mit nachhaltigkeitsorientierten Lehr-/Lernzielen gehören:

 

Konkrete berufliche Handlungsfelder und Handlungssituationen bilden die Ausgangs- und Bezugspunkte bei der Entwicklung von Lernsituationen

Bei der Gestaltung von Bildungsprozessen im Bereich der beruflichen Bildung sollte grundsätzlich darauf geachtet werden, dass man bei der Entwicklung von Lernsituationen von konkreten beruflichen Handlungsfeldern ausgeht. Diese Vorgehensweise entspricht der aktuellen Diskussion und hat sich als zentrales Merkmal von handlungsorientierten Lernsituationen etabliert. Auch bei der Entwicklung von nachhaltigkeitsorientierten Lernsituationen sollte davon nicht abgewichen werden, da ansonsten die Gefahr besteht, dass abstrakte und wenig fassbare Lerngegenstände in den Vordergrund rücken.
In jedem Arbeitsprozess lassen sich  Anknüpfungspunkte an nachhaltigkeitsrelevante Themen finden.

 

Die Auswahl eines geeigneten fachlichen Lerngegenstandes

Die an dem fachlichen Lerngegenstand gewonnenen nachhaltigkeitsrelevanten fachlichen Kompetenzen sind für die Auszubildenden und späteren Facharbeiter bzw. FacharbeiterInnen sowohl für den Betrieb als auch für die Gesellschaft elementar.
Bei der Auswahl eines passenden Lerngegenstandes im Sinne des Nachhaltigkeitsgedanken sind einige Anforderungen zu beachten:

  • Grundsätzlich sollte sich der Lerngegenstand an den Arbeitsanforderungen der Auszubildenden orientieren und die notwendigen Fähigkeiten und Fertigkeiten der Zielgruppe im Blick haben.
  • Weiterhin ist gerade in den gewerblich-technischen Berufen eine praktische Umsetzung des Erlernten notwendig und sinnvoll. Der fachliche Lerngegenstand sollte daher nicht nur theoretisch vermittelt werden, sondern z. B. in Form eines Kundenauftrages auch praktisch umgesetzt werden
  • Der Lerngegenstand sollte innovative, zukunftsweisende Techniken enthalten, die auch noch in Zukunft sowohl für den Lernenden als auch für den Betrieb von Bedeutung sind. Der langfristige Wert des Gelernten ist von hoher Bedeutung.
  • Der Lerngegenstand sollte auch so ausgewählt werden, dass er als Beispiel in einem bestimmten Themenfeld dienen kann und die daran erlernten Fähigkeiten und Kompetenzen auf ähnliche Aufgabenstellungen angewendet werden können (Exemplarisches Lernen) sowie grundsätzliche übergeordnete Zusammenhänge sichtbar werden

Die Lehr-/ Lernsituationen sind vorzugsweise handlungs- und produktorientiert zu gestalten

Spätestens seit der Einführung des Lernfeldunterrichtes in der Berufsschule ist eine handlungsorientierte Gestaltung der Lehr- /Lernprozesse unverzichtbar. Erklärtes Ziel aller Beteiligten an der Berufsausbildung ist die Förderung der beruflichen Handlungskompetenz. 

 

Dieses Ziel erfordert komplexe Lernaufgaben, die vor allem auch überfachliche Kompetenzen wie Orientierungs-, Urteils- und Kommunikationsfähigkeit abfordern und diese zu zentralen Voraussetzungen für die Bewältigung der Aufgabenstellung machen. Diese Kompetenzen besitzen eine hohe Anschlussfähigkeit in der Diskussion um eine berufliche Bildung für eine nachhaltige Entwicklung. Der handlungsorientierte Ansatz in beruflichen Bildungsprozessen ist so ausgelegt, dass

  • die Lehr-/ Lernsequenz an das Modell der vollständigen Handlung angelehnt ist, 
  • reflexive Elemente vor allem zu Beginn und am Ende der Lerneinheit durchgeführt werden, um Handlungsalternativen aufzuzeigen und die Lernwirksamkeit zu erhöhen, 
  • im Verlauf des Unterrichtsgeschehens ein Produkt entsteht, dass die Lernenden möglichst weitgehend selbstständig geplant und erstellt haben,
  • die Lehrmethoden den Ansatz des selbstgesteuerten Lernens unterstützen,
  • und das die Lehr-/ Lernprozesse einen grundsätzlich offenen Charakter haben und die Lernenden auch die Möglichkeit haben dürfen, falsche Entscheidungen zu treffen.

Der oben beschriebene Ansatz sollte allerdings nicht dazu verleiten, die Verantwortung der Lernenden sich selber zu überlassen.

 

Die Lernsituationen sind kompetenzorientiert auszurichten

Die Kompetenzorientierung ist im Zusammenhang mit Bildungsprozessen allgegenwärtig.
In der beruflichen Bildung hat sich das Kompetenzmodell der Kultusminsiterkonferenz (KMK) als Orientierungsgrundlage bei der Entwicklung und Formulierung von Lernzielen durchgesetzt und weite Verbreitung gefunden. An oberster Stelle steht die Förderung von Handlungskompetenz. Handlungskompetenz wird verstanden als „die Bereitschaft und Befähigung des Einzelnen, sich in beruflichen, gesellschaftlichen und privaten Situationen sachgerecht durchdacht sowie individuell und sozial verantwortlich zu verhalten“ (KMK 2007, S. 15).  
Die Handlungskompetenz teilt sich in die entsprechende Teilkompetenzen Fach-, Selbst- und Sozialkompetenz auf. Die Methoden- und Lernkompetenz ist als ein Ergebnis der Entwicklung aus diesen drei Teilkompetenzen zu sehen.  
Weiterhin wird in den KMK-Rahmenlehrplänen auf die Förderung von Gestaltungskompetenz hingewiesen, da die Berufsschule zur „Mitgestaltung der Arbeitswelt und der Gesellschaft in sozialer und ökologischer Verantwortung“ (KMK 2007, S. 10) befähigen soll. Im Diskurs um eine BBfnE nimmt die Förderung von Gestaltungskompetenz eine zentrale Rolle ein.

Didaktische Prinzipien bei der Gestaltung von nachhaltigkeitsorientierten Lernsituationen

Da die beruflichen Handlungsfelder die Ausgangs- und Bezugspunkte der Lernsituationen sind, müssen sie didaktisch hinsichtlich der Prinzipien einer nachhaltigen Entwicklung und möglichen Handlungsspielräumen analysiert werden. Es gilt die nachhaltigkeitsrelevanten Bildungsinhalte eines beruflichen Handlungsfeldes zu identifizieren. In Bezug auf die Kerngedanken des Leitbildes einer nachhaltigen Entwicklung werden zur Identifizierung der entsprechenden Inhalte zwei zentrale Fragestellungen vorgeschlagen:

  1. Welche Auswirkungen haben bestimmte Entscheidungen in berufsbezogenen Problemstellungen für mich und meine Umwelt – lokal, regional und global?
  2. Welche Auswirkungen haben bestimmte Entscheidungen in berufsbezogenen Problemstellungen in der Zukunft?

Durch diese Fragen sollen die Auswirkungen beruflicher Handlungen aus einer räumlichen und zeitlichen Perspektive analysiert und die damit verbundenen nachhaltigkeitsrelevanten Bezüge herausgearbeitet werden. Diese Aspekte betreffen Auswirkungen des beruflichen Handelns, die sich auf die unterschiedlichen Lebensweltbereiche beziehen können. Nachhaltigkeitsrelevante Themen sind u. a. :

  • Arbeits- und Gesundheitsschutz,
  • Umweltschutz,
  • Betriebliche Mitbestimmung,
  • Arbeitsplatzsicherheit, 
  • Fort- und Weiterbildung,
  • Soziale Ungleichheit und Menschenrechte,
  • Biodiversität und Artenschutz,
  • Ressourcen- und Energieeffizienz,
  • Recycling und Kreislaufwirtschaft,
  • Klimaschutz und
  • nachhaltigkeitsorientierte Technik

Weiterhin lassen sich auch ethische und moralische Fragestellungen aufgreifen, indem z. B. die lokale Berufsarbeit innerhalb des marktwirtschaftlich organisierten Wirtschaftssystems der westlichen Welt mit der Ausbeutung von Natur und Mensch in Schwellen- und Entwicklungsländern in Verbindung gebracht wird. Es zeigt sich, dass je nach beruflicher Handlung unterschiedliche nachhaltigkeitsrelevante Aspekte bedeutsam sein können. 
Es kann hilfreich sein, die Dimensionen der nachhaltigen Entwicklung als ein weiteres Strukturierungsinstrument bei der Analyse von beruflichen Handlungen einzusetzen. In diesem Falle sind die Auswirkungen von bestimmten berufsbezogenen Entscheidungen den entsprechenden Dimensionen zuzuordnen. Die folgende Abbildung zeigt an einem Beispiel den Gebrauch dieser Analysefragen. Die konkrete berufsbezogene Handlung bezieht sich auf die Auswahl und Montage einer LED Deckenleuchte in einem Lagerraum.

Auswahl und Montage einer neuen LED-Deckenleuchte
Beispiel einer nachhaltigkeitsbezogenen Analyse von beruflichen Handlungssituationen

 

 

Weitere Informationen: Reichwein, Wilko (2015): Berufsbildung für eine nachhaltige Entwicklung in Unternehmen. Eine explorative Studie am Beispiel der industriellen Elektroberufe. Berlin